Buchrezension

Fredmund Malik (2006): Führen, Leisten, Leben: Wirksames Management für eine neue Zeit, 2. Auflage, Campus Verlag Frankfurt/ New York 2006.

In diesem Bestseller versucht der Autor seine Erfahrungen im Bereich des Managements weiter zu geben. Zu diesem Zweck zeigt er einen Ansatz auf, der wie er selbst hofft, Klarheit in die Welt der Führungskräfte bringen soll. Malik glaubt an die Erlernbarkeit der notwendigen Fähigkeiten, um in einer Führungsposition wirksam sein zu können. Damit weicht er von der weit verbreiteten Vorstellung ab, Talent sei eine unbedingte Voraussetzung für Management. Mit einer Aufklärung über die nach seiner Meinung tatsächlichen Möglichkeiten und Leistungen der Manager führt Malik gleich am Beginn die wesentlichen Thesen seines Ansatzes ein:
1.) Die Resultatorientierung und das Schaffen von Verantwortungsbewusstsein stehe im Management im Mittelpunkt. Es sei notwendig, dass sich Führungskräfte vor allem die Qualität der Wirksamkeit ihres Handelns vor Augen halten.
2.) Management soll als ein eigener Beruf betrachtet werden. Dieser Beruf könne in vier Charakteristika aufgeteilt werden: Grundsätze, Aufgaben, Werkzeuge und Verantwortung.

Durch diese Hauptthesen schafft Malik die leitende Grundstruktur für seine großen Kapitel: Professionalität – Grundsätze wirksamer Führung – Aufgaben wirksamer Führung – Werkzeuge wirksamer Führung.

Der erste Teil des Buches befasst sich mit der Professionalität in der Führungsebene. Hier kritisiert Malik die nach seiner Meinung bisherigen Irrlehren: so etwa eine Theorie, die den gesamten Erfolg des Unternehmens von den Einzelleistungen abhängig macht. Malik bietet dazu alternative Möglichkeiten an und erläutert ausführlich seine Sicht. Danach solle Management als ein eigener Beruf wahrgenommen werden. Im zweiten Teil geht der Autor auf die „Grundsätze wirksamer Führung“ ein. Dabei stehen u.a. die Resultatorientierung, das Ausschöpfen der Stärken und positives Denken im Vordergrund. Malik thematisiert hier Fragen von Motivationsstrategien und deren Wirkung auf den Mitarbeiter sowie deren Bedeutsamkeit für das Unternehmen. Die Erkenntnis der Ganzheit müsse für ihn dabei in den Mittelpunkt gestellt werden. Im dritten Teil werden die Aufgaben der Führungsebene diskutiert. Mit Hinweisen zu Organisation und Kontrolle der Entscheidungsfindung versucht Malik, den Leser für seine Methoden zu begeistern. Der vierte Teil widmet sich den Werkzeugen der erfolgreichen Führung. Mit sieben Bausteinen (wie z.B. Job Design, effiziente Organisation von Sitzungen, Ideen zur motivierenden Leistungsbeurteilung u.a.) gibt der Autor Anhaltspunkte, wie erfolgreiche Führung gelingen kann. Mit diesem letzten großen Kapitel rundet Malik sein Handbuch ideenreich ab.

Insgesamt ist der Aufbau des Buches stringent nachvollziehbar. Zu Beginn der jeweiligen Teile findet sich jeweils eine kurze einführende Übersicht zu den folgenden Inhalten, die es dem Leser erlaubt, einen kurzen Überblick zu gewinnen. Am Ende folgt jeweils eine Zusammenfassung. Diese eigentlich positiv zu bewertenden Vor- und Rückblicke werden aber überzogen und wirken deshalb oft redundant. Zu häufig werden die Gedankengänge des Autors wiederholt, so dass das Buch an manchen Stellen künstlich in die Länge gezogen erscheint. Zwar gelingt es Malik so, die für ihn bedeutungsvollen Aspekte klar herauszustellen. Doch kann das beim Leser leicht Desinteresse hervorrufen oder den Anschein der Einfallslosigkeit erwecken. Der Schreibstiel ist schon beim ersten Lesen leicht zugänglich. Auf schwierige Fachbegriffe wird weitgehend verzichtet. Bei den wenigen Ausnahmen liefert der Autor eine kurze, prägnante Erklärung oder Definition mit. Damit ist es auch einem Fachfremden möglich, die verschiedenen Vorgänge, Problemstellungen und Strategien im Rahmen einer Führungsposition leicht zu erkennen.

Der Argumentationsgang wirkt meist glatt und kalkulierend. Doch gibt es einige Passagen, in denen dies – beinahe wohl unbeabsichtigt – einem intellektuellen Humor weicht. Es gelingt Malik jeder Zeit einen logischen Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln herzustellen. Seine Argumentation ist stets präzise und logisch. Wenn er beispielsweise den Stellenwert von strukturierter Ausdrucksweise beleuchtet, erläutert er u.a. die Probleme des hohen Interpretationsspielraums für einzelne Stichworte oder Grafiken.

Malik gewährt aus seiner Sicht einen ersten Einblick in die Welt des Managements. Dabei bringt er seine fachliche Kompetenz mit einfachen Worten zum Ausdruck und ermöglicht dem Leser einen leichten, aber dennoch sehr informativen Einstig in das Themenfeld. Besonders für neue Führungskräfte mit wenig Erfahrung ist das Buch absolut geeignet, gleichgültig, ob sie gerade ihr Studium abgeschlossen haben, oder sich ihre Position durch ihr langjähriges Tun im Unternehmen erarbeiten konnten. Ebenso können Studierende von dem Werk als Begleitlektüre profitieren, die ihre Zukunft in der Führungsebene noch vor sich haben, da ihnen Lösungsvorschläge für die Probleme in der praktischen Umsetzung aufgezeigt werden. Auch Manager mit Berufserfahrung bekommen die Möglichkeit, neue Eindrücke und Vorschläge für eine Verbesserung ihrer bisherigen Konzepte zu gewinnen. Daher kann für das Buch aus Sicht der Managementpraxis eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen werden.

Eine bedingte Empfehlung hingegen ist angemessen für die, die einen allgemeinen Ratgeber für den Aufbau einer effizienten Führungskultur suchen, da wesentliche Kapitel im Buch diese Themengebiete nur wenig betreffen. Als Zusatzlektüre kann es in diesem Fall allerdings dennoch hervorragend genutzt werden. Insgesamt stellt das Buch eine sinnvolle Ergänzung im Themengebiet der Führungspraxis dar, ohne aber eine in sich systematische Führungstheorie aufzuziehen.

Martin Oppelt

Call for Papers für Studierende

Das Wilhelm Löhe Institut für Ethik der Gesundheits-und Sozialwirtschaft (WLE) und die Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik (ZfME)/ Journal of Markets and Ethics Call for Papers lädt alle Studierende relevanter Disziplinen zur
Studierendentagung am 6.4.2017 zum Thema
„Wertebindung und/oder Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (einschließlich Pflege)“ ein. Hierfür muss ein Positionspapier eingereicht werden, wobei folgende Richtlinien zu beachten sind:

Willkommen sind systematische oder anwendungsbezogene Beiträge. Auch Seminar- und Abschlussarbeiten, die nach dem 30.9.2015 an einer Hochschule abgegeben wurden, können Grundlage eigereichter Papers sein. Abstracts (max. 500 Wörter) sind bis einschl. 1.10.2016 in digitaler Form einzu-reichen bei Herrn Martin Oppelt vom WLE: martin.oppelt(at)wlh-fuerth.de.

Weitere Infos in der Ausschreibung.

Konstituierende Sitzung des Beirats des Wilhelm Löhe Ethikinstituts

Für das im September an der Wilhelm Löhe Hochschule Fürth offiziell gegründete Ethikinstitut WLE konstituiert sich der Beirat am Fr. 15.1.2016 um 10 h an der Hochschule.
Mitglieder des Beirates sind bislang:

Staatsminister Dr. Markus Söder;
Dr. Annekathrin Preidel, Präsidentin der Landessynode Bayern der EKD;
Prof. Dr. mult. Nikolaus Knoepffler, Medizinethiker an der Universität Jena;
Evi Kurz, Vorsitzende des Ludwig-Erhard-Initiativkreises und der Stiftung Ludwig Erhard Haus Fürth;
Studiendirektorin Britta Stolte, Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München;
Awesta Stark, WLH-Studentin;

In einem öffentlichen Teil diskutieren ab 10.00 h Schüler und Studenten mit den Beiräten über das aktuelle Thema Sterbehilfe unter dem Titel: „Was ist, wenn Oma sterben will?“

Aufgabe des Beirates ist es, das Institut unter der Leitung von Prof. Elmar Nass mit Ideen und eigener Expertise zu unterstützen. Er hilft, das junge WLE zu einer in Deutschland öffentlich gefragten und hörbaren Stimme der Sozialethik zu machen und dazu Kooperationen mit anderen Instituten einzugehen. Aus einer einladenden Christlichkeit sollen mit Hilfe des Beirates Träger u.a. Verantwortliche im Gesundheits- und Sozialmarkt dazu befähigt werden, reflektiert einen Geist sozialen Miteinanders im Dienst am Menschen überzeugend leben, politisch vertreten und wirtschaftlich erfolgreich umsetzen zu können, sei es in der Gestaltung von Unternehmen, Strukturen, Gesetzen o.a.

WLH-Student erster Fellow des wissenschaftlichen Meetings „Ethik und Soziale Marktwirtschaft" (ESMA)

Dominik Kopp studiert im 5. Semester ‚Gesundheitsökonomie und Ethik‘ an der WLH und ist der erste studentische Fellow des wissenschaftlichen Arbeitskreises ESMA der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM). Der Kreis traf sich im November 2015 in Berlin. Ökonomen, Philosophen, Sozialethiker, Juristen u.a. diskutierten anhand von wissenschaftlichen Texten: „Wo ist angesichts aktueller sozialer Herausforderungen die Ethik zu verorten: in den Institutionen oder in der Tugend der Individuen?“ „Ist die Ökonomie- und Technikkritik des Papstes als moralischer Apell oder als neue Systematik christlicher Sozialethik zu deuten?“ „Wo bleiben heute die Wertegrundlagen der Sozialen Marktwirtschaft?“ WLH-Wirtschaftsethiker Elmar Nass fordert dazu eine transparente inhaltliche Justierung so genannter westlicher Werte. „Ist zunehmendes Alter von Menschen mit einer signifikanten Werteverschiebung verbunden?“ WLH-Gesundheitsökonom Jürgen Zerth zufolge gilt das nicht für „Gesundheit als Wert“, obwohl jüngere Texte die Hypothese unterstützen, dass Religion etwa die Patietencompliance befördert.

Unter dem Motto „Christliche Werte in der Politik“ ging es mit dem Warendorfer Bundestagsabgeordneten Reinhold Sendker um die Frage, wie eine wertebasierte Politik in Zeiten von Währungskrisen und Flüchtlingsdebatte umzusetzen ist. Auch der Besuch einer Plenarsitzung im Bundestag gehörte zum Programm. Professor Zerth schloss nach dem offiziellen Programm noch eine Stadtführung für den frischgebackenen ESMA-Fellow an, der sich bei dem Meeting eine Menge Notizen gemacht hatte. Die nächste ESMA-Tagung soll im November 2016 in München stattfinden.

Aktuelle Forschungsthemen

  • Principal-Agent-Approach meets Christian Spirituality. A model of virtue-based Enterprise Culture
  • A Christian Theory of Leadership Ethics (Paper erscheint in: The Catholic Social Science Review
  • Unternehmenskultur und Spiritualität in christlichen bzw. werteorientierten Unternehmen
  • Conditions and challenges for value-based Health Care in Europe. The impact for value-based (diaconic) Organizations
  • Commerce with kidneys? Michael Sandel’s suggestions and an answer from ethical theory
  • Befähigungsgerechtigkeit in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft
  • What is the adequate health behavior? A discussion on capabilities and responsibilities  (Paper erscheint in: Annals of the Romanian-German University of Sibiu)
  • Politische Gestaltungskraft von Caritas und Diakonie
  • Vermögens- und Reichensteuer im Spannungsfeld von Gerechtigkeit und Populismus
  • Christliche Ethik der Währungsordnung
  • Sozialkultur demokratischer Meinungsbildung
  • Grundwerte christlicher Politik im pluralistischen Deutschland
  • Wirtschaftsethik und evangelische Theologie (Rezension von Manuel Schmidt, erscheint in: ZEE)

WLE lädt ein zur Tagung: „Naturrecht und/oder Pluralismus“ vom 19.-20.5.2016 in Königswinter

Buchbesprechung: Unternehmensethik

Diese Einführungsreihe im Auer-Verlag ist sehr zu empfehlen: Die Bände sind kompakt, kompetent und kostengünstig. Das Büchlein bietet für Studenten einen gut lesbaren  Einstieg in das komplexe Themenfeld der Führungstheorien und auch einige praktische Bezüge. Es geht in den Kapiteln den Überschriften folgend um eine Positionsbestimmung systemischer Führung (sehr knapp), Funktionen und Folgen von Führung, Menschenbilder im Wandel der Zeit, menschliche Leistungsmotivationen, vertiefende Perspektiven systemischer Führung und einen Abschied von der Hierarchie in einem Modell Leadership 2.0. Menschenbilder werden als Ausgangspunkt für die so unterschiedlichen Verständnisse von Führung vorgestellt. Das überzeugt aus ethischer Sicht. Führung nicht allein vom Leader, sondern von den komplexen Beziehungen im Unternehmen zu verstehen, ist das immer wieder durchschimmernde systemische Credo. Leider ist der Buchtitel dennoch irreführend. Denn die besondere Systematik des systemischen Ansatzes bleibt ansonsten nebulös. Der ist ja nur einer unter vielen. Um ihn besser zu verstehen, empfehle ich aus der gleichen Reihe das exzellente Büchlein von Dan Zahavi als Einführung in die Systemtheorie danebenzulegen. Hier erfährt man mehr über Autopoiese, Konstruktivismus und Perturbationen, die doch alle gerade die systemische Personalführung ausmachen. Mein Urteil: Kaufen lohnt sich für allgemeine Einführung in Führung, aber der Titel ist verfehlt.

Dietrich von Oelsnitz, Einführung in die systemische Personalführung, Carl Auer Verlag Heidelberg 2012, 124 S., 13,95

Das WLE ist Mitveranstalter folgender wissenschaftlicher Tagungen:

Arbeitskreis „Ethik und Soziale Marktwirtschaft“ (ESMA) der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM)
http://www.asm-ev.de/AK_Ethik_und_Soziale_Marktwirtschaft_I.html
Dieser interdisziplinäre AK aus Ökonomen, Philosophen, Theologen, Juristen trifft sich jedes Jahr. Die nächste Tagung ist vom 12.-13.11.2015 in Berlin.

Öffentliche wissenschaftliche Tagung ‚Gesellschaftliche Relevanz des Naturrechts
gemeinsam mit dem Institut für ökonomische Bildung Münster, der Stiftung für christlich soziale Politik (CSP) und der Joseph Höffner Gesellschaft vom 19.-20.5.2016 in Königswinter.

Buchbesprechung: Diesseits und Jenseits einer paradoxen Spiritualität des Leibes

„Spiritualität der Wahrnehmung. Einführung und Einübung“, geschrieben vor allem von der Mariendonker Benediktinerin Clara Vasseur mit Unterstützung des Aachener Weihbischofs Johannes Bündgens, beschäftigt sich mit Wegen zu Gott anhand eines leiborientierten Ansatzes. Die Autoren zeigen in ihrem stark von Kirchenvätern und Phänomenologen geprägten Werk neue Möglichkeiten der Gotteserfahrung über einen am Leibgedächtnis orientierten Ansatz auf.

Nach einem Vorwort des Aachener Religionspädagogen Guido Meyer folgen Kapitel zu „Berührung und Spiritualität“, „Wahrnehmung und Spiritualität“, „Leiblichkeit, Identität und Transzendenz“, „Erfahrung und Wirklichkeit“ sowie „Begegnung und Haltung“.

Im Kapitel zu „Berührung und Spiritualität“ wird zuerst eine Definition von Berührung gegeben und in einen aktuellen Zusammenhang gebracht. Die Benediktinerin stellt heraus, dass es in der heutigen Gesellschaft durch die zunehmende Digitalisierung kaum mehr echte zwischenmenschliche Berührungspunkte gebe. Zusätzlich wird auf Beispiele von Berührung in der Bibel eingegangen und die Veränderung des Stellenwertes der Berührung vom alten zum neuen Testament erörtert. Schwester Clara führt dazu ebenso kompakt wie gut gedeutet verschiedene passende Bibelstellen an, bei denen das berührende Wirken von Gott und Jesus offenbart wird. In diesem Anfangskapitel wird schon die Relevanz von Distanz und Nähe betont, zwischenmenschlich sowie zwischen Gott und Mensch, ein Thema, welches sich als roter Faden durch das gesamte Buch zieht.

Mit einer phänomenologischen Untersuchung von „Wahrnehmung“ wird diese im zweiten Kapitel auf Spiritualität bezogen. Die Autorin geht hier auf den Leib, Leibkörper und das Leibgedächtnis ein und übt Kritik an der Abkehr vom Leiblichen in unserer heutigen digitalen Gesellschaft. Bezeichnend für diese Kritik ist zu lesen: „Unser Leib besitzt eine Grundoffenheit für […] Erfahrungen, die es im digitalen Zeitalter verdient, neu entdeckt und gewürdigt zu werden“ (S. 112). Und als Weg dazu wird angeboten: „Durch Erweiterung meiner Wahrnehmung im eigenen Leib erweitert sich meine Wahrnehmung auf die Welt, den Anderen und schließlich Gott“ (vgl. S. 120). In der Diskussion um die „Aufmerksamkeit“ ist zu lesen, dass dem Wahren und Schönen in unserer Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit geschenkt werde als dem Banalen und Vulgären. Durch Zen und Yoga versuchten nun „moderne Menschen“ in unserer heutigen Zeit ihre Konzentration zu steigern. Aufmerksamkeit wird von der Autorin als Bedingung für Veränderung gesehen. Und je aufmerksamer der Mensch sei, desto mehr sei er (vgl. S. 129 f.). Dass sich Clara Vasseur auch wertschätzend mit den Schätzen anderen Religionen beschäftigt hat und nicht nur einzig und allein das Christentum als Quelle für ihre Ausführungen heranzieht, ist ab Seite 134 herauslesen. Hier wird unter anderem auf Meditationswege anderer Religionen und den „Geist des Zen“ eingegangen.

Im dritten Kapitel beschäftigt sich die Ordensschwester unter anderem mit Gesten und dem Verhalten von Menschen. Dieses gäbe direkt Auskunft über meine Gottesbeziehung und mein Gottesbild. Der Leib wird als das „unentbehrliche Medium“ beschrieben, ohne das ich als Mensch keine Handlungen vollziehen könne. Dass sich die Autorin intensiv mit Marcel Jousse und dessen Thesen beschäftigt hat, kann der Leser ab Seite 164 erkennen. Hier stellt Schwester Clara die Person Jousse und dessen Wirken detailreich vor und hebt dessen Thesen zur Distanz von Gesellschaften zum geschriebenen und gesprochenen Wort hervor. Die Benediktinerin kommt zu dem Schluss, dass das „geschriebene“ Wort wieder zum „gesprochenen/gelebten“ Wort werden müsse.

Im vierten Kapitel geht es um Wirklichkeitserfahrungen. Hier wird philosophischen Fragestellungen und Antwortmöglichkeiten nachgegangen und dazu Stellung genommen. Bestes Beispiel hierfür sind die altbekannten Existenzfragen: „Weshalb bin ich und wozu bin ich überhaupt hier?“ Vasseur geht davon aus, dass solche Fragen den besten Nährboden für eine Gotteserfahrung bilden und dass in Folge der materiellen Übersättigung in unserer heutigen Zeit ein Defizit im geistlichen Bereich empfunden wird. Doch was kann ein Maßstab für eine echte Gotteserfahrung sein? Clara Vasseur meint diesen in den Schriften der Bibel und den Traditionen der Kirche als einzig richtigen zu erkennen. Distanz sei ein wichtiger Bestandteil von Gotteserfahrungen. Denn nur wenn wir den unüberbrückbaren Abstand zwischen Gott und uns anerkennen, könne der Mensch Nähe zu Gott verspüren.

Dieses interessante Paradoxon (S. 254) führt gekonnt über ins letzte Kapitel. Die Autorin beschriebt hier die Begegnung als ein unwiderrufliches Geschehen, das einen Menschen komplett zu verändern vermag. Zur Erläuterung der Auswirkungen von Begegnung geht die Autorin auch auf die Wirkung des Antlitzes ein: Es vermag Freude sowie auch Leid auszulösen. Zu guter Letzt wird noch auf den Sterbeprozess und die Bedeutung des respektvollen und ehrfürchtigen Umgangs mit dem Leib eingegangen. Mit dem Titel „Antlitz, Kreuz, Leid und Tod“ schreibt die Benediktinerin vom Sterben und dem Abschiednehmen von einer Ordensschwester. Vasseur kommt zum Schluss, dass das, was am Anfang des Lebens gilt, auch am Ende zu gelten habe. „Loslassen“ und jemanden dessen Weg gehen lassen, sei essentiell.

Dieses Werk wirft einen interessanten Blick auf die Leiblichkeit und zeigt neue sowie alte Wege auf, eine Gottesbeziehung aufzubauen. Der kritische Leser kann sich natürlich die Frage stellen, ob der Mensch Gott wirklich nur dann erfahren kann, wenn er die Bibel studiert und nach den Traditionen der Kirche lebt. Manchmal ist die Autorin fixiert auf das Rituelle. Man stellt sich auch die Frage, ob man Transzendenz denn auch erleben könne, wenn man nicht alles mit körperlichen Ritualen und Gesten vollzieht. Die häufige Kritik an der Weltlichkeit und der heutigen Gesellschaft lenkt bisweilen etwas vom eigentlich doch herausragenden Kern des Buches ab. Für alle, die nach einem Weg suchen, Gott (wieder) zu erfahren, und die sich nicht scheuen, sich wieder auf konventionelle Methoden, Gesten und Rituale zu verlassen, ist dieses Buch ein Schatz. Mit ihrer Kernthese des „Wiederbesinnens“ auf den eigenen Körper und die eigene Wahrnehmung hat Clara Vasseur den Zeitgeist aufgegriffen und zugleich herausgefordert.

Vasseur, Clara / Bündgens, Johannes: Spiritualität der Wahrnehmung. Einführung und Einübung, Karl Alber Verlag München/ Freiburg 2015, 336 Seiten, 24 €.

Manuel Schmidt

WLH-Professoren beziehen kritisch Position zu Thesen von Michael Sandel

Forscherforum des WLE mit dem Institut für ökonomische Bildung Münster

 

Der wissenschaftliche Arbeitskreis „Ethik und Soziale Marktwirtschaft‘ (ESMA) war zu seiner Jahrestagung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt bei Prof. Dr. Jörg Althammer zu Gast. ESMA ist ein Arbeitskreis der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM). Prof. Dr. Christian Müller vom Institut für ökonomische Bildung Münster und Prof. Dr. Elmar Nass vom WLE veranstalten die Tagungen des AK seit 2008. Auf der Tagesordnung standen diesmal die Rolle der Ethik in der Wirtschaftsordnung, die christliche Sicht der Familie in der Gesellschaft, Fragen der praktischen Wirtschaftspolitik und ihrer Begründung sowie die Diskussion zwischen Ökonomie und Philosophie. Neben den Ausführungen von Prof. Dr. Peter Schallenberg zur Familie wurden dabei klassische und auch aktuelle Texte diskutiert wie etwa von Michael Sandel, Friedrich A. von Hayek, Joseph Höffner u.a. Prof. Dr. Jürgen Zerth von der WLH war erstmals mit dabei mit einem gesundheitsökonomischen Kommentar zu Michael Sandel. Elmar Nass kritisierte Sandel aus einer begründungstheoretischen Perspektive. Die nächste Jahrestagung findet in Berlin statt.