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Student Hochschule WLH Wilhelm Löhe Hochschule Fürth

aus dem Hochschulleben

Corona und Implikationen für die Gesundheitsversorgung: Daten, Zahlen und was lernen wir? Ein Plädoyer für besonnene Strategien!

von Prof. Dr. Jürgen Zerth, Fürth

Es gegenwärtig wohl eher schwierig, mit nüchternen Kopf über mögliche Auswirkungen der Corona-Krise (SARS-CoV-2 Epidemie; COVID-19-Ausbruch) auf die Gesundheitsversorgung von morgen zu sprechen.

Momentan gilt es zunächst festzuhalten, dass unsere Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen mit Hochdruck versuchen, sich den Anforderungen der Pandemie zu stellen, um insbesondere im klinischen Bereich den erwarteten Bedarf von Behandlungs- insbesondere Beatmungsplätzen zu organisieren.

Hier lässt sich jedoch schon festhalten, dass uns die gegenwärtige Krisensituation die Bedeutung der vielfältigen kleinen und großen Sorgebeziehungen wieder deutlich macht und zwar nicht nur im Gesundheitswesen. Der Mangel am ärztlichen Personal vor allem aber an Pflegekräften wird durch die Corona-Epidemie in dramatischer Sicht offensichtlich. Vor allem richtet die gegenwärtige Situation gerade im internationalen Vergleich scheinbar den Scheinwerfer auf die Strukturen und die Leistungsfähigheit von Gesundheitssystemen. So zeigt sich offenbar, dass es eine stärkere Auseinandersetzung darum geben muss, Regelungen für Notfallkapazitäten wieder stärker zu problematisieren und weiterzuentwickeln. Auch wenn derartige Diskussionen und auch hoffentlich konstruktive Auseinandersetzungen bereits geführt werden, und vor allem in der Nach-Corona-Zeit stärker geführt werden müssen, zeigt sich doch schon jetzt die Bedeutung und Notwendigkeit für eine kluge, systematische und zielgerichtete Analyse, Interpretation und Nutzung von Daten. Ein Blick auf die Corona-Entwicklung im europäischen Vergleich mag dies verdeutlichen: So haben Italien und Spanien die meisten Corona-Fälle in Europa, gefolgt dann mit Abstand von Deutschland. In allen drei Ländern – auch mit einem Zeitverzug – hält die überproportionale Zunahme an Infektionen noch an, da die als wesentlich genannten Faktoren zur Begründung einer Folgeinfektion – Übertragungswahrscheinlichkeit bei vorhandenem physischen Kontakt, Zahl der Kontakte in einer definierten Zeiteinheit und Dauer der Übertragung  - erst durch die Maßnahmen der letzten Zeit systematisch angegangen worden sind. Gleichwohl gilt es jedoch Zahlen und internationale Zahlenvergleiche zu Infizierungsentwicklungen oder gar Todesfällen mit Vorsicht zu interpretieren, insbesondere wenn sie vielleicht vorschnell als Signal für die Effektivität oder Ineffektivität von Gesundheitssystemen herangezogen werden sollen. Auch wenn es im europäischen Vergleich massive Unterschiede in der Basisausstattung von Gesundheitseinrichtungen und im flächendeckenden Zugang zu Notfallkapazitäten gibt – was sich jetzt auch deutlich wieder zeigt -  ist etwa ein einfacher Vergleich der Letalitätsrate, d. h. der risikogeneigten Todesrate oder Case Fatality Rate, keine ausreichende, alleinige Informationsquelle der richtigen Interpretation sozialmedizinischer, epidemiologischer Zahlen. Es liegt beispielsweise ein methodischer Unterschied darin, ob im Kontext von Corona die Zahl der Todesfälle an der Zahl der getesteten Infizierten gemessen wird oder die Zahl der Todesfälle auf die Zahl der Fälle mit bekannten Verlauf (Genesung oder Todesfall) bezogen wird. Genauso ist im europäischen Vergleich zu unterscheiden, ob Länder vor allem erst dann Infizierte erfassen, wenn diese im Kontakt mit einer organisierten Gesundheitseinrichtung (insbesondere Kliniken) gekommen sind und dann die Todesfälle darauf bezogen werden oder angenommen die gleiche Zahl der Todesfälle auf alle getesteten Bewohner bezogen wird, unabhängig vom Bezugspunkt zu einer Gesundheitseinrichtung. Wohingegen bei der ersten Betrachtung durch die Vorselektion per se mehr vulnerable Patientinnen und Patienten vorhanden sind und somit das Verhältnis von Todesfällen zu Infizierten höher ist, wäre bei gleicher Anzahl der Verstorbenen die Zahl im zweiten Fall niedriger. Was lässt sich daraus lernen?

 

Zunächst nur, dass die wissenschaftlich und dann auch gesundheitspolitisch relevanten Daten sich auch noch entwickeln werden und wir als Gesellschaft auch diesen Lernprozess brauchen und daher (gegenwärtig) noch vorsichtig mit vorschnellen Interpretationen sein müssen. Gleichwohl wird durch die Datenweitergabe von Handy-Daten der Telekom an das Robert-Koch-Institut deutlich, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit klugen Datennutzungsstrategien für die Bekämpfung von Infektionen sein kann. Epidemiologisches Wissen ist hier genauso wichtig, wie Kenntnisse der nationalen Strukturen und Institutionen sowie der (gesundheits-)ökonomischen Implikationen aus dem gegenwärtigen Stresstest für Gesundheitssysteme. Es bleibt darüber hinaus deutlich, wie wichtig die Fragen nach den akzeptierten und akzeptablen Bildern eines guten und menschendienlichen Zusammenlebens sind. Hier aus der gegenwärtigen Krise Impulse für eine interdisziplinäre Diskussion, nicht nur für die Wissenschaft, zu nehmen, könnte auch einer der Lerneffekte für die Zukunft sein.

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