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Student Hochschule WLH Wilhelm Löhe Hochschule Fürth

aus dem Hochschulleben

Nachgefragt: Antworten von Hermann Imhof zur ersten Ringvorlesung “Bilder der Pflege von morgen: was können und was müssen wir von politischer Verantwortung erwarten und auch einfordern“.

Hermann Imhof beantwortet Fragen zur Ringvorlesung “Bilder der Pflege von morgen: was können und was müssen wir von politischer Verantwortung erwarten und auch einfordern“.

Frage 1: Wie weit kann es mit der Wertschätzung her sein, wenn beispielsweise ein Pflegebonus nur den Altenpflegerinnen und Altenpflegern gezahlt wird, aber den Pflegekräften in den Krankenhäusern nicht?

Hermann Imhof: Dass die Altenpflege durch den Bonus eine kleine Form der Anerkennung erfährt, ist ein wichtiger Schritt für die bessere Wertschätzung des Pflegeberufs. Allerdings herrscht beim VdK Unverständnis über die Ungleichbehandlung der verschiedenen Berufsgruppen auf Bundesebene: Dass die Pflegebranche in mehrere Lager gespalten wird, ist für uns nicht akzeptabel! Es darf kein Unterschied zwischen Alten-, Kranken- oder auch Behindertenpflege gemacht werden. Wir brauchen unbedingt eine einheitliche Vorgehensweise, um einer Schieflage in der Pflegebranche vorzubeugen. Unsere Forderung: Der Pflege-Bonus muss für alle Pflegekräfte gleichermaßen gelten. Darüber hinaus ist uns wichtig, dass es mit dem Pflegebonus nicht bei einer einmaligen Sache bleibt, sondern rasch weitere Maßnahmen erfolgen. Dazu zählen eine bessere Bezahlung durch bessere und flächendeckende Tarifverträge und generell die Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Frage 2: Sie sprechen die Bedeutung der beiden Pflegeperspektiven, der Familienpflege und der professionellen Pflege an. Müssten wir nicht stärker „Infrastrukturen für eine Familienpflege“ entwickeln, die etwa wie einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz etwas Ähnliches für pflegende Angehörige vermitteln?

Hermann Imhof: Tatsächlich kommen die pflegenden Angehörigen in der Betrachtung der Pflegetätigkeit viel zu kurz, obgleich rund 2/3 der pflegebedürftigen Menschen zuhause gepflegt werden. Die Rahmenbedingungen für sie sind viel zu schlecht gestaltet und hängen oft von Zufälligkeiten ab.

Wir brauchen z.B. dringend ein echtes Case- und Care-Management, wie die einzelne Situation eines Pflegebedürftigen optimal gestaltet werden kann. Also die Erstellung individueller und umfassender Versorgungspläne sowie die Initiierung der dafür erforderlichen Maßnahmen einschließlich deren Genehmigung, Überwachung und erforderlichenfalls Umsteuerung. Das könnte in Pflegestützpunkten erfolgen, die es in Bayern bisher viel zu wenig gibt. Bisher bleibt der pflegende Angehörige häufig auf sich allein, seine Durchsetzungskraft und seine Ausdauer gestellt.

Die Suche nach einem ambulanten Pflegedienst, einem Tages- oder Kurzzeitpflegeplatz mutiert dann immer wieder zu einem Mammutprojekt, das den Einzelnen völlig überfordert. In der Politik wurde zuletzt diskutiert, einen Rechtsanspruch auf einen Kurzzeitpflegeplatz einzuführen. Das kann man nur begrüßen. Ohne entsprechende Refinanzierung wird aber auch ein entsprechender Anspruch ins Leere laufen. Ergänzend sollten auch die Nutzungsmöglichkeiten der Kurzzeitpflege erweitert und flexibilisiert werden, um sie an die Bedarfe der pflegebedürftigen Menschen anzupassen.

Ein Baustein könnte des Weiteren das vom VdK geforderte Pflegepersonengeld und eine Pflegepersonenzeit nach dem Vorbild der Elternzeit für pflegende Angehörige sein, das den Betroffenen bessere finanzielle und zeitliche Spielräume schafft. Und wir brauchen auch mehr Entlastungs- und Schulungsangebote für pflegende Angehörige. Und zwar in der Form, dass sie selbst gezielt von den Pflege- und Krankenkassen angesprochen werden und ihnen passende Angebote unterbreitet werden.

Natürlich braucht es generell eine pflegefreundliche Infrastruktur im Quartier oder in der Gemeinde. Pflege muss generell vor Ort gedacht werden, damit sie funktioniert! Deshalb müssen die Rahmenbedingungen verändert werden. Die Weiterentwicklung von Strukturen muss so ausgerichtet sein, dass die Menschen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben können.

Kommunen und Gebietskörperschaften müssen verpflichtet werden, eine altersgerechte und barrierefreie Infrastruktur, einen inklusiven Sozialraum, zu gestalten. Darüber hinaus sind quartiersbezogene Pflege- und Versorgungskonzepte notwendig. Bei der erforderlichen Veränderung der Rahmenbedingungen muss unbedingt auf die Vernetzung aller verantwortlichen Personen und Institutionen geachtet werden, von der Orts- und Stadtplanung über Wohnungsbaugesellschaften, Pflegekassen bis hin zu Leistungsanbietern. Die Pflege- und Gesundheitsversorgung im Wohnquartier und örtlichen Gefüge für multimorbide, hilfe- und pflegebedürftige Menschen muss zur gemeinsamen, abgestimmten Pflichtleistung von Sozialversicherungs- und Sozialleistungsträgern werden. Und auch ehrenamtliche Strukturen müssen stärker gefördert und wertschätzend anerkannt werden.

Frage 3: Sie sprechen die besondere Bedeutung „kommunaler Pflege“ an. Was können wir wirklich von Skandinavien lernen und was nicht? Wir haben ja traditionell in Deutschland eine historisch gewachsene Trägervielfalt?

Hermann Imhof: Mit eine Ursache für den Pflegenotstand in Deutschland ist die historische Zuweisung der Pflege in den häuslichen Bereich als Tätigkeit für mildtätige Frauen und weibliche Angehörige als sog. Liebesdienst. Damit hat sich lange eine Betrachtung von Pflege als unbezahlter Frauenarbeit und Pflege als Laientätigkeit verbunden, was uns heute noch Schwierigkeiten bei der Professionalisierung der Pflege bereitet, auch in ihrem Selbstbild übrigens. Pflegekräfte in Skandinavien nehmen sich selbstverständlich das Recht, für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung zu streiken. In Deutschland sind schon Protest-Kundgebungen und Demonstrationen der Pflegekräfte Ausnahmeerscheinungen. 

Bei uns ist also historisch die Pflegeaufgabe den Angehörigen zugewiesen, und der Staat wird nur subsidiär tätig. Auch infolgedessen übernimmt die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten. Und im Zuge der Einführung der Pflegeversicherung haben sich die Kommunen noch weiter aus der Altenhilfe zurückgezogen, bei gleichzeitiger Substitution professioneller Strukturen durch Ehrenamtler und freiwillig Tätige. Weil die Familienpflege als tragende Säule des deutschen Systems allerdings mit dem, was ihr zugemutet wird, zunehmend überfordert ist und der Staat nur ergänzend tätig wird, steigt die Privatisierung in der Pflege und in der Folge auch das Kostenvolumen zuletzt rasant.

Das macht sich sowohl bei den Trägern als auch bei den individuellen Kosten bemerkbar: Während die Zahl der öffentlichen und freigemeinnützigen Träger von Pflegeeinrichtungen beispielsweise in Bayern seit 2001 fast unverändert ist (2001: 1.943, 2017: 1.990), hat sich die Zahl der privaten Träger im gleichen Zeitraum von 1.105 auf 1.891 erhöht – dies entspricht einer Steigerung von ca. 71 %. Mit dieser Entwicklung eng verbunden sind schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten sowie teils auch eine nicht ausreichende Versorgung der Pflegebedürftigen. Der gesetzlich normierte Anspruch auf personenzentrierte Pflege bleibt auf der Stecke. Auch in Heimen kann er selten eingelöst werden, weil die Personaldecke dies nicht hergibt – im privaten Bereich muss in erster Linie eben wirtschaftlich gearbeitet werden.

Gleichzeitig steigen die Pflegekosten immens und in immer kürzeren Zeitabständen: Während 2019 die monatliche Zuzahlung der Pflegeheimbewohner noch durchschnittlich bei 1.869 Euro lag, stieg sie 2020 auf 1.969 Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 5,4 Prozent. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Schon aus diesen Gründen zeigt sich, dass eine Neuausrichtung der Pflege und eine Rückbesinnung auf die soziale Verpflichtung der Kommunen notwendig sind.

Frage 4: Ich teile Ihren Hinweis zu der Bedeutung von Kurzzeitpflegeplätzen. Reicht es hier wirklich zusätzliche Finanzmittel, in Verbindung mit einer Quote, einzuführen, wenn nicht auch die wachsenden Qualitätsaspekte der Pflegenden berücksichtigt werden. Es scheint aus den Praxiserfahrungen immer wichtiger zu werden, gerade in der Kurzzeitpflege medizinische, pflegerische und soziale Kompetenzen zu verknüpfen. Neue Qualifikationen könnten hilfreich sein?

Hermann Imhof: 2019 hat das IGES-Institut die Situation in der Kurzzeitpflege in Bayern analysiert. Dem Gutachten lässt sich entnehmen, dass aktuell nicht nur quantitative sondern auch qualitative Bedarfe in der Kurzzeitpflege nicht ausreichend berücksichtigt werden (können):

Bei eingestreuten Kurzzeitpflegeplätzen fehlten z.B. häufig geeignete Hilfsmittel für adipöse Personen, therapeutische Angebote gäbe es ebenfalls nicht und dementiell Erkrankte würden während der Kurzzeitpflege häufig deutlich abbauen.

Für jüngere Pflegebedürftige (sowohl Kinder als auch Erwachsene unter 65 Jahren) gäbe es generell wenig Möglichkeiten für Kurzzeitpflege. Auch Pflegebedürftige mit hohem pflegerischen und Betreuungsaufwand fänden besonders wenige Angebote. Dazu gehörten u. a. gerontopsychiatrisch und psychisch Erkrankte, Suchtkranke, Menschen mit Behinderung und generell pflegebedürftige Personen mit höheren Pflegegraden (4 und 5). Schon aus dieser kurzen Aufzählung wird deutlich, dass die prinzipiellen und pflegefachlichen Anforderungen, die die Versorgung von Kurzzeitpflegegästen stellen, von den Kurzzeitpflegeeinrichtungen und vom Personal in Einrichtungen der Dauerpflege nicht ohne weiteres erfüllt werden. 

Wir danken den virtuellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der ersten Ringvorlesung, den Fragestellenden und vor allem Hermann Imhof für seine Bereitschaft zur Chatdiskussion.

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